Existiert Tattoo-Sucht?

Wo man auch hinschaut, mittlerweile sieht man so ziemlich überall Tattoos: Auf Schultern, Armen, Handgelenken, im Dekolleté, auf Beinen und Füßen. Höchstwahrscheinlich hat auch der ein oder andere Stellen an seinem Körper tätowiert, die man im Alltag nicht unbedingt zur Schau stellt.

Schon im alten Ägypten sah man Tätowierungen als Hautschmuck an, sodass man annimmt, dass Tattoos in der damaligen Gesellschaft akzeptiert und sogar als schön empfunden wurden.

Seit dieser Zeit bis heute haben Tattoos verschiedene Bedeutungen durchlebt. Zwischenzeitlich markierten sie Menschen mit einer gewissen Zugehörigkeit (oder eben nicht), wie z.B. Leute aus dem Hafenmilieu, Häftlinge oder Zuhälter. Heute weisen Tattoos eher auf persönliche Erfahrungen, Vorlieben und Erlebnisse hin. Die Menschen haben viel zu erzählen und nutzen ihren Körper als Darstellungsmedium ihrer Lebensgeschichte. Sie wollen ihren Körper verzieren und nutzen dafür neben Schmuck und anderen Accessoires den nächsten Schritt – die Ästhetik von Bildern und Schriften auf der Haut.

In diesem Zusammenhang hört man den Ausdruck „Tattoos machen süchtig“ nicht gerade selten.
Man kann fast sagen, dass man sich heutzutage nicht ein Tattoo, sondern das erste Tattoo stechen lässt. Warum ist das so?

Mit Tattoos verfolgt man in der Regel eine positive Form der Leidenschaft. Zum einen möchte man persönliche Geschichten, Erinnerungen oder besondere Ereignisse festhalten, die Einfluss auf das Leben genommen haben. Wie die Eltern, die sich den Namen ihres Kindes tätowieren lassen oder das Ehepaar, das sich das Datum ihres Hochzeitstages unter der Haut verewigen lässt. Einzigartige, schöne Gefühle werden festgehalten und bei Bedarf in Erinnerung gerufen. Man verbindet etwas Positives mit dem Tattoo und kann mit einem Blick darauf für eine kurze Zeit aus dem Alltag in wundervolle Gedanken entfliehen.

Zum anderen geht es um das Streben nach Individualität. Man möchte sich von der Masse abheben. Moment, denkt Ihr jetzt sicher – wie hebt man sich von der Masse ab, wenn mittlerweile jeder mindestens ein Tattoo trägt? Ist man nicht nur noch einer von vielen? Das mag sein, jedoch trägt jeder Tätowierte eine persönliche Geschichte hinter seinem Tattoo. Der Träger des Tattoos schafft ein Geheimnis, in das er möglicherweise nur wenige Personen einweiht, wenn überhaupt.

Darüber hinaus geht es nicht nur um Individualität, sondern auch um den Ausdruck der subjektiv empfundenen Schönheit. Der Träger ist in der Regel stolz auf sein Tattoo, findet es schön und ästhetisch, sieht es als eine „Verbesserung“ seines Körpers an. Mit dieser inneren Einstellung und der neuen Liebe zum eigenen Körper strahlt die tätowierte Person Glück aus – das Selbstwertgefühl steigt. Unbewusst verstärkt werden kann dieses Gefühl durch die überstandenen Schmerzen beim Prozess des Tätowierens. Man hat eine neue Stärke aufgebaut, Dank der man übrigens mit weniger Angst zum nächsten Tattoo-Termin geht. Man fühlt sich besser, ja fast überlegen gegenüber Nicht-Tätowierten.

Okay, bevor Ihr nun denkt, ich würde allen tätowierten Menschen (zu denen ich auch gehöre) grundsätzlich einen ausgeprägten Narzissmus unterstellen, weise ich darauf hin, dass es natürlich nicht nur die Motivation zum Tätowieren mit selbstverliebtem Hintergrund gibt.

Bewusst oder nicht, viele Menschen lassen sich tätowieren, um etwas zu verarbeiten oder zu kompensieren. Negative Ereignisse, Dinge, die man nicht aussprechen mag, werden durch ein Tattoo zum Symbol der Verarbeitung. Auch gibt es Menschen, die sich Tiermotive wie Adler, Bären oder Tiger stechen lassen. Warum? Für manch einen mag das Lieblingstier dahinterstecken, jedoch kann es auch für die Verkörperung von Eigenschaften wie Freiheit, Unabhängigkeit oder Stärke stehen, die dem Träger unterbewusst fehlt. Eine Ergänzung der Persönlichkeit, ein Wunschdenken, vielleicht sogar eine Motivation zur Veränderung.

Man kann noch einen Schritt weitergehen und versuchen, eine negative Leidenschaft zu entdecken. Sicherlich gibt es Menschen, die sich aus fragenwürdigen Gründen tätowieren lassen. Sei es der Drang zu Polarisieren und Schockieren mit seltsamen Tattoo-Motiven, vielleicht aber auch die Lust am Schmerz beim Tätowieren oder sogar der Adrenalinkick, den ohne Frage jeder verspürt, sobald die vibrierenden Tattoo-Nadeln die Haut durchdringen. Dieser Kick soll ähnlich stark sein wie der, den man beim Ausführen von Extremsportarten verspürt. Auch in diesem Bereich sprechen Menschen nicht selten von einer Art Sucht.

Doch kann man, egal in welche Richtung man tendiert, tatsächlich von einer „Sucht“ sprechen?
Eine Sucht im medizinischen Sinne übt Druck auf die Psyche eines Menschen aus. Es handelt sich um einen Zwang, der zwischen ‚wollen‘ und ‚brauchen‘ nicht unterscheidet. Eine Sucht bringt uns dazu, wichtige Lebensbereiche zu vernachlässigen, um eine Art Trieb zu befriedigen. Natürlich können wir hier, wie bei klassischem Suchtverhalten, nach und nach die „Dosis erhöhen“. Angefangen mit einem kleinen Stern oder Herz könnten wir zu immer größeren Tattoo-Motiven greifen. Würden wir aber tatsächlich unter einer Tattoo-Sucht leiden, müssten wir wohl regelmäßig ins nächstbeste Tattoo-Studio rennen und könnten unser hart verdientes Geld direkt an den Tattoo-Künstler überweisen. Zudem wäre jeder freie Zentimeter auf unserer Haut ziemlich schnell mit bunten Bildern und Schriftzügen ausgefüllt. Wenn wir uns und tätowierte Menschen in unserem Umfeld ansehen, können wir sagen, dass wir Tattoos brauchen, um glücklich zu sein und uns vollkommen zu fühlen? Dies dürfte wohl auf die wenigsten zutreffen. Ich mache mir also keine Sorgen, dass sich unter Euch ein Suchtpatient befindet 🙂 Zum Glück!